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korrespondenz -> los angeles, 28. jun 2009
 
 
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XXL und Plastik -- Kalifornien im Bankrott!

von Marie Elisabeth Müller

Los Angeles, 28. Jun 2009_ Vor und zu Beginn der ersten Amtszeit von George W. bin ich in die USA gereist, teils um Freunde zu besuchen, teils um Radiofeatures vorzubereiten. Im Frühjahr 1998 verschlug es mich zufälligerweise zum ersten Mal an den Pazifik nach L.A., wo meine Freundin Susanne Anschluß an die Autorenszene suchte, und ich mit ihr ein angenehm unspektakuläres Los Angeles kennenlernte, mitten in Los Feliz -- heute angeblich das East Village von L.A. -- wo sie in einer Arbeiter Latin-American Nachbarschaft wohnte. Von dort spazierten wir gleich um die Ecke in den Coffee Shop der Lesben- und Schwulenbuchhandlung oder zum Programmkino drei Straßen weiter. Mit europäischen Augen betrachtet war das bemerkenswert normal, denn auch L.A. ist eine Moto-Stadt. Ohne Auto ist man in Kalifornien Nichts. Ich erinnere mich, daß einmal ein Bekannter mitten im Gespräch für mich völlig überraschend auf eine schwarze Limousine zeigte, die am Straßenrand, direkt vor dem Fenster des Diner parkte: "That's my car. I can't drive small cars, don't mind the petrol." Tja, bis heute weiß ich nicht, ob es sich dabei um eine spurlos versandete Flirtoffensive handelte, oder ob ich in einen versteckt gedrehten Werbespot geraten war. Jedenfalls, Kalifornien, die Heimat von Bioläden, Fitneßclubs und Outdoor-Life, ist zeitlos eingesponnen in ein lückenloses Freeway-Netz, auf dem Kalifornier am liebsten wahlweise in dicken Four-wheel-drives oder aufgedonnerten Pickups dahin gleiten. Auf jeden Fall voll automatisiert und klimatisiert. In der weitläufigen Wüstenstadt, deren flache Gebäude sich über 1.300 Quadratkilometer erstrecken, existierte in den 1990ern so gut wie kein öffentlicher Verkehr; die baufertigen Stationen einer stolzen Metro ließen sich an einer Hand abzählen und die schwarzverdunkelten Stadtbusse waren so einladend wie eine Nacht im Stadtpark. Auf meinem ersten Hinflug amüsierte sich mein Sitznachbar, ein einheimischer Autohändler von Venice Beach, der aussah wie Matt Damon, über mein Bekenntnis, Museen und Spuren deutscher Emigranten in L.A. aufsuchen zu wollen. Was ich auch tat -- und dabei entdeckte, daß das Simon-Wiesenthal-Center in L.A. seinen Hauptsitz hat und am Pico Boulevard das faszinierende Museum of Tolerance betreibt, zu dem Schüler und Beamte vom ganzen Kontinent reisen, um an inter-aktivem Unterricht in Anti-Rassismus und der Geschichte rassistischer Bewegungen und Genozide teilzunehmen. Eine spezifische Sektion des Museums, mit originalgetreu nachgebauter Straße aus dem Berlin der 1930er Jahre, ist dem Holocaust und der Geschichte der europäischen Juden gewidmet. Neben dieser Entdeckung erstaunte mich die Beobachtung, daß der berühmte Hollywood Schriftzug in der Stadt keine Rolle spielt, vielmehr winzig klein irgendwo am Horizont auftaucht, wenn man die ewig langen Boulevards Richtung Hollywood und Beverly Hills stadtauswärts fährt. Eine smog-vernebelte Fata Morgana.

Seit 2004 brachten mich weder private noch berufliche Verabredungen in die Staaten, daher beobachtete ich das radikale Geschäft der Regierung um George W. aus der Ferne und verspürte immer weniger Lust, in das Land zu reisen, in dem alles XXL sein will, Gebäude und Infrastruktur mit ihrem Charme des Provisoriums betören, aber auch mit Modergeruch und schrottreifen Klimaanlagen nerven, die laut, stinkend und allgegenwärtig zu sein scheinen. Amerika hat sich im 20. Jahrhundert durch die globalisierte Kommerzialisierung des Alltags und in seinen Filmen und Kunstwerken erfunden und vermarktet. Bei allen Reisen in die 'neue Welt' beschleichen mich daher Flashbacks und das Gefühl, alles schon einmal gesehen und gehört zu haben. Beobachtungen vermischen sich in meinem Kopfkino mit Bildern, vielleicht aus Filmen von Orson Welles, Woody Allan und David Lynch, oder aus Kollagen von Robert Rauschenberg, David Hammons und Bruce Nauman, aus Comics von Walt Disney und Roy Lichtenstein, aus Musik von Ella Fitzgerald, Miles Davis und Prince, und Texten von Langston Hughes, Sylvia Plath und Tom Wolfe... Das auch ist Amerika. Das ist das Amerika, welches fast verstummt schien unter der zweiten Amtszeit von George W., das in Obamas Wahlkampf 2008 wie aus Narkose aufzuwachen schien, und das sich nun 2009 neu definieren will, allerdings, mit einem Haken: Das Empire navigiert in einem desolaten Zustand systemrelevanter Pleiten.

Als ich vor kurzem zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder einmal nach L.A. komme, beherrscht ein Thema die L.A. Times: "Schwarzenegger threatens to shut down state government." Der bevölkerungsreichste Bundesstaat Kalifornien ist bankrott und der erste Reflex der amtierenden Schwarzenegger Regierung ist -- surprise, surprise -- die Gesundheits-, Wohlfahrts- und Stipendienprogramme zu streichen, unter anderem das Programm CalWORKS (California Work Opportunity and Responsibility to Kids), von dem allein mehr als Fünfhunderttausend Familien, die unter der Armutsgrenze leben, und mehr als eine Million Schulkinder abhängig sind.

Anders als zehn Jahre zuvor wirkte Downtown L.A. dieses Mal aufgeräumt, mit funktionierenden öffentlichen Bussen -- für 1,25 $ pro Fahrt relativ erschwinglich --, einem ausgebauten Metronetz und lebendigen Büro- und Einkaufsstraßen, die man in den 1990ern gemieden hätte, weil da nicht viel los war und die Slums der Stadt direkt angrenzen. Downtown L.A. ist der einzige Stadtteil der Megapolis, wo glitzernde Hochhausgiganten stehen, und, inmitten der protzigen 'Wall Street' Area, eine beeindruckend ausgestattete Public Library, die von Forschern und Lesern aus dem ganzen Ballungsraum genutzt wird. Die Stadtplaner haben sich in den Jahren vor der Staatspleite sichtlich Mühe gegeben, das leblose Stadtzentrum zu einem aktiven urbanen Raum umzugestalten, in dem nun das Staples Sport Center (in dem die Lakers spielen) neben dem high-tech-blitzenden Nokia-Center und Frank Gehrys imposant gewellter Walt Disney Concert Hall attraktive Anziehungspunkte für Shows und Events sind. Überall befinden sich Tür an Tür kleine Shops, wenige eigenständige Kaffeehäuser, Café-Ketten à la Starbucks, Fast Food Läden oder exklusive Restaurants; bei allen herrscht tagsüber großer Andrang. Nach reinem Augenschein, dürften die Bewohner neben Petrol den Großteil ihres Einkommens für 'Coffee to go', 'Sandwich to go', 'Pizza' oder 'Sushi to go' und für was weiß ich unterwegs ausgeben; alles einzeln in verschweißten Plastikverpackungen mit Plastikbesteck und Papierserviette erhältlich. Die typische Handbewegung in L.A.: Der leicht ausgestreckte Arm, an dem ein To-Go-Produkt über die Straße balanciert wird; natürlich entweder zum nächsten Parkplatz oder direkt ins Büro. Wer sich noch fragt, wo fließen sie (da)hin, die Resourcen unserer einen Welt, dem sei ein Besuch im Land der XXL Menschen und XXL Portionen nahegelegt. In vielen Straßen in Downtown, insbesondere aber an der 7th Street, und neuerdings auch an der Promenade und den Strandwegen draußen in Santa Monica, wo Brecht seit Juli 1941 zeitweise lebte, treffe ich unzählige homeless people, die mit Rollkoffern und Rucksäcken umherziehen, entwurzelte Handlungsreisende ohne Auftrag, in totaler Armut und Kraftlosigkeit. Die Obdachlosen in Kalifornien hat die Finanzkrise schon lange getroffen, bevor der Bankrott die Zentren erreicht hat, und für sie scheint es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kein Mitleid zu geben.

Ab sieben Uhr abends dann leert sich das Stadtzentrum und die meisten Läden machen dicht; wahrscheinlich, weil man danach überfallen wird, wie Bärbel und ich glasklar schlußfolgern. Daher finden viele Veranstaltungen in Downtown schon am späten Nachmittag statt, zu denen an anderen Orten abends eingeladen wird. Der Ökonom Muhammed Yunus, Nobelpreisträger 2006, hat seit einiger Zeit eine leise Offensive im Land des Raubtierkapitalismus begonnen. Er eröffnete im März 2008 in New York eine Filiale seiner 1976 in Jobra/Bangladesh gegründeten Grameen Bank ("dörfliche Bank") für Mikrokredite: "Small loans, significant impact." Yunus meint, wenn Grameen es in New York schafft, dann wird das Konzept überall eine Chance haben. Aber Sinatras Klassiker "If you can make it there, you'll make it anywhere" wird vielleicht bald schon zum anchronistischen Slogan, wenn sich die Basislager der globalisierten Welt weiter südöstlich verlagern. In L.A. folgten am 26. Mai 2009 mehrere tausend Menschen gespannt Yunus' freiem Vortrag zum expandierenden System der Grameen Bank und der nicht-Profit-maximierenden Orientierung des 'Social Business'. Während der Konferenz, zu der wir angereist waren, hatte sich bis dahin schon das Leitmotiv "Think out of the box" gebildet, das wie ein amerikanisches Urmotiv klingt, mit dem sich hier aber Bildungsexperten aus aller Welt gegenseitig ermutigten, die vielfältigen Hürden in der internationalen Zusammenarbeit zu umschiffen. Yunus beschreibt seinen Impuls zur Gründung der Grameen Bank ähnlich: "I observed the way how traditional banks work -- then I did it just the opposite way. They go to the rich, we go to the poor. They go to men, we go to women. They expect the customer to come to them, we pay the customer a visit on regular basis. They are interested in high amounts, we lend small amounts." Grameen Bank hat inzwischen über acht Millionen Kleinkredite vergeben, ohne Sicherheiten, mit geringen Zinssätzen und kleinen wöchentlichen Raten, auf der Basis von Vertrauen und Bedürftigkeit, vor allem an arme Frauen und Mütter, die damit ein eigenes Geschäft gründen und so ein regelmäßiges Einkommen der Familie generieren. Die Rückzahlquote liegt bei über 98%. Mit Hilfe der Kleinkredite und später eingeführter Grameen Stipendienprogramme haben sich auch Ernährungs- und Bildungsstandards der teilnehmenden Regionen, insbesondere in Bangladesh, signifikant erhöht. Yunus und Grameen geht es nicht um Wohlfahrt, 'charity', sondern um maßvolle, sozial orientierte Geschäfte, die allen Beteiligten nützen. Dafür tut sich Grameen auch mit global operierenden Konzernen wie Danone zusammen, die in Kooperation mit Grameen preiswerte, vitaminreiche Produkte entwickelt haben, die sich jeder leisten kann. Und noch einen Vorteil nennt Yunus, die Mikrogeschäftswelt ist völlig unberührt von der gegenwärtigen Weltfinanzkrise. Davon kann Barack Obama nur träumen. Deshalb ist in den USA die Euphorie über seinen Wahlsieg auch weitaus nüchterner ausgefallen als in der alten Welt. Zwar sind in jedem Souvenirladen T-Shirts, Kappies und Decken mit dem Konterfeit Obamas zu haben; aber im Alltag spielen sie kaum eine Rolle. Seien wir ehrlich, wer möchte in Obamas Schuhen stecken? Sein Realitätstest kann schnell zum Lack-Muß-Ab-Test werden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß die Handlungsmaxime von Muhammed Yunus auch dem amerikanischen Präsidenten zu nachhaltigen Ergebnissen verhilft: Er muß alles einfach nur ganz anders machen._//
 

autoreninfo 
Dr. Marie Elisabeth Müller  ist Literatur- und Medienwissenschaftlerin und lebt in Berlin. Seit Mai 2008 tätig im Internationalen Bildungsmanagement für deutsche Hochschulen und internationale Institutionen. Von Oktober 2004 bis April 2008 als literaturwissenschaftliche DAAD-Lektorin an der University of Nairobi, Kenia. Seit 1993 Arbeit als Journalistin, Redakteurin und Autorin für Radio und Printmedien und als Regisseurin für Radiofeatures. Autorin von über 40 Features und einigen Hörspielen; unter anderem Bearbeitung von Martin Amis, Night Train für den MDR (erschien im Audio-Verlag 2002). 2005 veröffentlichte Hoffmann Und Campe ihr Buch Mietek Pemper, Der rettende Weg. Schindlers Liste, Die wahre Geschichte, das sie in enger Zusammenarbeit mit Mietek Pemper und Viktoria Hertling schrieb und das mehrfach übersetzt worden ist, u.a. 2008 in englischer Übersetzung bei The Other Press, New York. Zahlreiche Veröffentlichungen in Fachjournalen und in Internetzeitschriften. Themen: Kultur- und Bildungsmanagement -- Kulturjournalismus -- Interkulturelles Training -- Medientheorie -- Zeitgenössische Literatur.
Homepage: http://memplexx.de/
E-Mail: mem@gmx.com
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